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Biohacking

Länger leben als Cyborgs

Biohacker integrieren Technik direkt in den Körper. Ihre Vision: Mehr Fähigkeiten, bessere Gesundheit und eine Lebenserwartung, die nach oben offen ist.

Ein Kind ist als Roboter verkleidet
Nimmt das Kind die Zukunft vorweg? Verwandelt sich der Mensch in einen Cyborg (Foto: Getty Images)?

Wer Neil Harbisson (im Video) auf der Straße begegnet, wird sicher zweimal hinschauen: Vor den Augen des Briten baumelt ein sogenannter „Eyeborg“ – eine spezielle Kamera, die in seinen Schädel implantiert ist. Sie zeichnet Farben im Sichtfeld auf, die dann über einen unter der Kopfhaut befindlichen Chip in Töne umgewandelt werden. Für den 35-Jährigen ist es die einzige Möglichkeit, die Welt bunt zu „sehen“. Denn seit seiner Geburt ist er farbenblind.

Harbissons elektronisches Auge macht ihn zu einem Cyborg. Ein Mensch, ein bisschen aber auch Maschine. Damit gehört er zu einer weltweiten Bewegung aus Forschern, Techniknerds und Künstlern, die sich mit der naturgegebenen Begrenztheit des menschlichen Körpers nicht abfinden wollen. Wie Hacker, die in Computersysteme eindringen, schleusen Biohacker Technologie in das System aus Fleisch und Blut ein. Einige wollen einen körperlichen Makel loswerden, andere streben nach neuen, übermenschlichen Fähigkeiten. Manche prophezeien sogar, dass sich durch die Verschmelzung von Biologie und Technik unsere Lebenserwartung immens verlängern lässt. Weil schon in ein paar Jahrzehnten chronische Krankheiten und Behinderungen Zustände sein werden, über die man höchstens noch in Museen berichtet.

Mensch strebt nach Unversehrtheit

Das klingt vermessen, doch das Streben nach Gesundheit und körperlicher Unversehrtheit ist seit jeher Motor für technische Innovationen. Ob Cochlea-Implantate, die Taube wieder hören lassen, oder Herzschrittmacher, die dem Herzmuskel bei der Kontraktion helfen: Schon lange nutzt der Mensch Bauteile, um gestörte Sinne oder Körperfunktionen auszugleichen. Neu sind lediglich die Anwendungsmöglichkeiten, die die Technik erobert, beispielsweise bei der Krebsbehandlung. Medizintechniker der TU München haben einen Sensorchip entwickelt, der, implantiert neben einem Tumor, dessen Wachstum überwacht. Wird er größer, landet diese Information direkt auf dem Smartphone und aus einem Tank in Tumornähe werden umgehend Medikamente abgegeben. Ähnliche Systeme für die Behandlung von Diabetes gibt es bereits auf dem Markt.

Große Fortschritte macht die Technik auch bei der Bewältigung körperlicher Handicaps: Schon heute gibt es Arm- und Beinprothesen, die natürlichen Gliedmaßen in nichts nachstehen. Über Elektroden mit den noch vorhandenen Nerven verbunden, ermöglichen sie es dem Träger zu tanzen, zu klettern, Klavier zu spielen, ja sogar durch Drucksensoren wieder etwas zu ertasten. Wissenschaftler des Massachusetts Institute of Technology (MIT) wollen noch mehr: Sie arbeiten sogar an einem digitalen Nervensystem aus künstlichem Rückenmark, Nervenbahnen aus Kunststoff und Chips, die Befehle an die Muskeln senden. Irgendwann, so die Hoffnung, könnten Querschnittgelähmte damit wieder laufen.

Nanoroboter töten Krebszellen

Ähnlich Visionäres prophezeit auch Google-Chefingenieur Ray Kurzweil. In nicht allzu ferner Zukunft, ist er sicher, werden Nanobots in unseren Blutbahnen schwimmen. Winzig kleine Roboter, die das Immunsystem beim frühzeitigen Kampf gegen Bakterien, Viren und Krebszellen unterstützen. Was nach Science Fiction klingt, ist für ihn der nächste radikale Schritt in Richtung Lebensverlängerung – und im Labor bereits erprobt.

„Grundsätzlich ist Biohacking eine interessante Bewegung“, sagt Nikola Biller-Andorno, Direktorin des Instituts für Biomedizinische Ethik und Medizingeschichte an der Universität Zürich. „Es hat etwas Faszinierendes, seinen Körper durch Technik zu kontrollieren und zu verändern. Und es birgt zum Teil ein großes Potenzial, das individuelle Gesundheitsverhalten positiv zu beeinflussen.“

Selbstoptimierung wirft ethische Fragen auf

Doch es gibt auch Risiken: So könnte die Menschen Freiheiten einbüßen, wenn sich der Trend zur Selbstoptimierung irgendwann zum Mainstream entwickelt – und daraus Zwang wird. „Das breite Spektrum an Lebensentwürfen muss erhalten bleiben. Es muss Menschen erlaubt sein, ohne Rechtfertigung frei von all der Technik leben zu wollen“, sagt Biller-Andorno.

Besonders brisant: Wenn die Technik genutzt wird, um Gene zu manipulieren – beispielsweise um den Altersprozess aufzuhalten. Und die neuen Merkmale dann auf nachfolgende Generationen vererbt werden. „Das dreht natürlich an der großen Schraube der Evolution. Welche Konsequenzen das hat, können wir heute noch gar nicht überblicken“, warnt die Medizinethikerin.

Körper-Upgrade durch Technik

Für Neil Harbisson, dem Mann mit dem elektronischen Auge, ist die Entwicklung jedoch klar: Spätestens in den 2040er-Jahren wird es aus seiner Sicht ganz normal sein, dass sich Menschen durch körperinterne Technik upgraden. Er selbst ist gerade dabei, sich dem Traum von einem längeren Leben auf eine andere Weise zu nähern. Mit einem rund um seinen Kopf eingepflanzten Gerät will er Zeit fühlbar machen und irgendwann in der Lage sein, Zeitillusionen zu erschaffen. So ließen sich zum Beispiel schöne Momente dehnen und die Lebenszeit auf bisher unerreichbare 140, 150 Jahre steigern. Zumindest erst einmal gefühlt.

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