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Altersstereotype

Altern ist auch Ansichtssache

Menschen denken oft schlecht über das Alter. Dabei kann eine positive Sicht zu einer besseren Gesundheit verhelfen und gar das Leben verlängern.

Ältere Frau hält ein Schild mit der Aufschrift Yes
Eine positive und lebensbejahende Denkweise hilft dabei, auch im Alter sein volles Potenzial auszuschöpfen.

Hand aufs Herz: Was kommt Ihnen spontan in den Sinn, wenn Sie an ältere Menschen und das Älterwerden denken? Sind es Worte wie gebrechlich, senil, hilfsbedürftig, unflexibel und griesgrämig? Oder eher Eigenschaften wie weise, gütig, frei, fit und aktiv? Haben Sie vor allem die Verluste vor Augen oder sehen Sie auch mögliche Gewinne? Welche Vorstellungen Sie auch immer damit verbinden – negative, positive oder von beidem etwas –, Sie sollten nicht unterschätzen, wie stark diese auch Ihren eigenen Alterungsprozess beeinflussen können.

Stereotype erleichtern das Leben

Stereotype nennt die Wissenschaft solche verallgemeinernden Bilder und Zuschreibungen, mit denen wir unsere Mitmenschen anhand ihres Geschlechts, Alters, Verhaltens oder ethnischen Zugehörigkeit unbewusst in Gruppen „einsortieren“. Dies mag nicht immer zutreffend sein und individuelle Eigenschaften außer Acht lassen, aber es vereinfacht unser Leben ungemein. Denn jede Person in kürzester Zeit mit all ihren Eigenschaften, Vorlieben und Macken kennenzulernen, ist schlichtweg unmöglich. „Durch Stereotype werfen wir andere erst einmal in einen bestimmten Topf“, sagt Anna Kornadt, Psychologin und Altersforscherin von der Universität Bielefeld. „Das hilft, unser Verhalten anzupassen. Zum Beispiel eine ältere Person als solche zu erkennen und ihr daraufhin im Bus seinen Platz anzubieten.“

Stereotype über das Alter bilden einen Sonderfall: Sie entstehen schon in jungen Jahren, werden über die Lebensspanne hinweg verinnerlicht und beziehen sich – im Gegensatz zu Geschlecht oder Hautfarbe – zunächst auf eine Gruppe, der wir selbst gar nicht angehören. Kinderbücher und Märchen formen unser Bild vom Alter, ebenso wie Erfahrungen mit den eigenen Großeltern oder auch die Darstellung älterer Menschen in Werbung und Fernsehen. Je älter wir werden, desto relevanter werden diese Vorstellungen für uns selbst. „Dann beziehen wir sie auf uns und das hat Einfluss auf die Art und Weise, wie wir altern“, so Kornadt.

Positives Altersbild kann das Leben verlängern

Wie groß die Macht von positiven wie negativen Altersstereotypen sein kann, zeigen zahlreiche Forschungsarbeiten. In einer Langzeitstudie, die über 23 Jahre hinweg über 50-jährige Probanden hinsichtlich ihres Selbstbildes untersuchte, entdeckte die Altersforscherin Becca Levy von der Yale University beispielsweise einen erstaunlichen Zusammenhang: Personen, die eine positive Sicht von sich als Ältere hatten, waren gesünder und lebten im Durchschnitt 7,5 Jahre länger als jene, die sich negativ betrachteten. Entscheidende Ursache: Ältere mit einem negativen Selbstbild sind anfälliger für Stress und damit für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. In einem Experiment mit mathematischen Aufgaben konfrontiert, zeigten sie unter anderem einen deutlich höheren Blutdruck.

Für Wissenschaftler ist der Auslöser solcher Ergebnisse vor allem psychologischer Natur und wird als Selbststereotypisierung bezeichnet. Indem wir das Alter als etwas Bedrohliches interpretieren und die damit einhergehenden Verluste erwarten, ja geradezu heraufbeschwören, ergeben wir uns quasi unserem Schicksal  und passen unser Verhalten den stereotypen Vorstellungen vom Alter an.

Gedanken prägen das Verhalten

Besonders eindrücklich zeigten dies Gedächtnistests, bei denen Ältere im Vorfeld in die Stereotypen-Gruppen „weise“ und „senil“ eingeteilt wurden. Ergebnis: Das jeweilige Altersbild wirkte unterbewusst und die „Positiven“ überflügelten die „Negativen“ hinsichtlich ihrer kognitiven Leistung um ein Vielfaches. „Menschen, die negative Altersstereotype verinnerlicht haben oder mit diesen von außen konfrontiert werden, setzen sich mehr unter Druck und sind zum Beispiel von ihrer eigenen Gedächtnisleistung weniger überzeugt“, erklärt Psychologin Kornadt. „Das funktioniert nach dem Motto: ‚Ach, das kann ich mir eh nicht mehr merken, dafür bin ich zu alt‘.“ So wird das Altersbild zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung: Das Gedächtnis muss gar nicht schlechter sein, die Vorstellung, es müsse aber altersbedingt eigentlich nachlassen, hindert zu einem Großteil daran, es voll zu entfalten.

Einen immensen Einfluss haben dabei auch die Altersbilder, die in der Gesellschaft vorherrschen. So wurde in einem Experiment die Gedächtnisleistung von älteren Amerikanern und Chinesen verglichen, wobei die Amerikaner durchweg schlechter abschnitten. Die Ursache sehen Wissenschaftler in der chinesischen Kultur, in der es das Altersstereotyp über nachlassende kognitive  Fähigkeiten schlichtweg nicht gibt.

Gesundheit beginnt auch im Kopf

Obwohl gesundheitliche Einschränkungen oft mit dem Älterwerden einhergehen – vieles haben wir noch selbst in der Hand. Studien belegen, dass ältere Menschen mit einem positiven Selbstbild auch deshalb fitter sind, weil sie sich – auch schon in jungen Jahren – deutlich mehr um ihre Gesundheit kümmern und körperlich aktiver sind. Dies zeigte unter anderem eine Untersuchung zum Thema Spazierengehen bei Älteren mit gesundheitlichen Problemen: Probanden mit einer positiven Einstellung gingen trotz ihrer Beschwerden regelmäßig; Probanden, die ein negatives Selbstbild besaßen, konnten sich hingegen deutlich seltener „aufraffen“ – nach dem Motto: ‚Das bringt ja eh nichts mehr‘.

Wer aber resigniert,  vergibt unter Umständen eine Chance. Denn die Tatsache, dass eine positive Sicht auf das Alter auch den Heilungsprozess beschleunigen kann, ist längst wissenschaftlich belegt. Sogar auf das Risiko, an Alzheimer zu erkranken, scheint die Sicht auf das Alter Einfluss zu haben, wie die Forschergruppe um Becca Levy heraus fand. So wiesen Gehirne von Verstorbenen, die zu Lebzeiten ein negatives Altersbild hatten, mehr Anzeichen dieser Erkrankung auf.

Ältere räumen mit Klischees auf

„Wir sollten unser Bild vom Alter viel mehr hinterfragen“, findet Psychologin Kornadt. „Denn das Alter hat so viele – auch positive – Facetten und man kann kaum noch sagen: ‚Ältere Menschen sind typischerweise soundso‘.“

Die Älteren selbst machen unterdessen vor, wie sich gängige Stereotype wandeln. Laut des Deutschen Alterssurvey, einer seit 1996 durchgeführte Befragung deutscher Bürger ab 40, steigt nämlich die Lebenszufriedenheit im Alter, identifizieren sich die Älteren nicht einzig und allein nur mit der Furcht vor Einsamkeit oder körperlichen Gebrechen, sondern sehen auch die Chance für eine aktiv gestaltete „späte Freiheit“.

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