Isolation in der Corona-Krise

12.05.2020

„Berüh­run­gen sind über­le­bens­wich­tig“

Die Corona-Krise macht Körperkontakt gerade zur Mangelware. Für Neurowissenschaftlerin Dr. Rebecca Böhme zwar absolut notwendig, auf lange Sicht aber auch eine Gesundheitsgefahr.

Frau Dr. Böhme, auf welche Berührung könnten Sie nur sehr schwer verzichten?

Auf Umarmungen. Die sind mir schon am wichtigsten. Aber auch die vielen kleinen Berührungen des Alltags: jemandem die Hand auf die Schulter legen, zwischendurch die Wange gestreichelt bekommen. Zum Glück muss ich mich aktuell nicht allzu sehr einschränken. Mein Partner, meine Kinder und meine Katzen werden jetzt eben umso mehr von mir berührt.

Ansonsten heißt das Motto aber „Abstand halten“ und so mancher Single muss wohl ordentlich nachdenken, wann er das letzte Mal berührt wurde. Ist der Mensch überhaupt dafür gemacht, berührungslos zu leben?

Nein. Und das zeigt sich schon im Vergleich mit den anderen Sinnen. Menschen können zum Beispiel blind oder taub auf die Welt kommen – und sie überleben trotzdem und finden sich gut im Leben zurecht. Ohne irgendeine Form von Berührungssinn wird hingegen so gut wie niemand geboren. Die Natur hat das quasi von vornherein ausgeschlossen, hat uns darauf ausgelegt, mit anderen Menschen auch körperlich zu interagieren. Tasten und Spüren sind einfach überlebenswichtig. Ohne diese Fähigkeiten könnten wir nur sehr schwer menschenwürdig existieren.

Was kann denn fehlender Körperkontakt anrichten?

Jede Menge. Vor allem, wenn es in der frühen Kindheit an ihm mangelt. Studien mit verwahrlosten rumänischen Waisenkindern haben gezeigt, dass diese schwere Verhaltensstörungen entwickelten. In den 1960er Jahren führte der Psychologe Harry Harlow zudem Versuche mit Affenbabys durch. Wuchsen diese ohne „kuschelige“ Mutter auf, hatten sie später schwere Schäden in ihrem Sozialverhalten. Interessant ist auch zu beobachten, wie Frühchen gedeihen, wenn sie zum Beispiel durch Massagen oder „Kangaroo Care“, also Haut-zu-Haut-Kontakt, mit zusätzlichen Berührungsreizen versorgt werden. Verglichen mit Frühgeborenen, die das nicht hatten, entwickeln sie sich körperlich und kognitiv besser, können später im Leben besser schlafen und ihre Emotionen regulieren.

Und warum brauchen wir auch als Erwachsene noch Berührungen durch andere?

Berührungen stellen Gefühle wie Zuneigung und Nähe her. Denn berührt uns ein Mensch, den wir mögen oder lieben, werden tastsensible Rezeptoren in der Haut angeregt, die dann über das Rückenmark elektrische Signale an das Gehirn senden. Dort werden verschiedene Regionen aktiviert und Stoffe produziert, die den Körper fluten. Zum Beispiel Oxytocin, besser bekannt als „Liebeshormon“. Es sorgt dafür, dass sich die emotionale Bindung zweier Menschen verstärkt – und unser Stresslevel sinkt. Die Herzfrequenz geht runter, die Atmung wird langsamer, in Blut und Speichel sinkt der Spiegel des Stresshormons Cortisol. Wir wissen auch, dass sich Menschen, die berührt werden, schneller von Erkrankungen erholen – und unter anderem dadurch länger leben. Den größten Effekte hat man sicher bei direktem Hautkontakt, aber selbst eine Umarmung durch eine dicke Jacke hindurch bringt eine gesunde Wirkung.

Aber nicht mal das ist für einige Menschen gerade möglich.

Wie extrem wichtig Berührungen sind, werden viele jetzt erst merken. Vor Corona schenkte man diesen eher wenig Aufmerksamkeit. Es war eine Nebensache. Aber jetzt, wo man es nicht mehr darf, wird einem bewusst: Da fehlt etwas. High Five statt Handschlag? Das ist eigenartig. Treffen mit Freunden fühlen sich durch das Abstandsgebot nun vielleicht schal, distanziert und irgendwie komisch an. Wenn wir videochatten oder schreiben, merken wir: Es ist nicht dasselbe. Kein Emoji, kein Wort ist ein Ersatz für eine Berührung.

Wir brauchen also Berührungen auch, um gut zu kommunizieren?

Auf jeden Fall. Sie vermitteln zusätzliche Emotionen, die man mit Sprache allein nicht hinbekommt. Legt man während eines Streits dem anderen zum Beispiel die Hand auf den Arm, „sagt“ man damit nonverbal: Hey, wir verstehen uns hier vielleicht gerade nicht, aber wir sind uns trotzdem nahe und mögen einander. Ähnlich funktioniert das übrigens auch unter vollkommen Fremden.

Wie das?

Die Wissenschaft nennt das den „Midas-Effekt“. Heißt: Menschen werden nach einer körperlichen Berührung großzügiger. So geben Gäste, die vom Kellner während des Restaurantbesuchs am Arm oder der Schulter berührt wurden, mehr Trinkgeld. In einer anderen Studie sollten Passanten kurz auf einen großen, wilden Hund aufpassen. Und auch hier: Fragte der Halter nicht nur, sondern berührte auch, stimmten sie eher zu. Körperkontakt schafft Vertrauen und stellt eine positive Beziehung her.

Durch „Social Distancing“ werden Berührungen jetzt aber umgedeutet: Sie gelten als unsolidarisch, gefährlich und krankheitsübertragend. Könnte dies unser Miteinander dauerhaft verändern?

Das hängt natürlich davon ab, wie lange das Ganze noch dauert. Je länger das Abstandsgebot besteht, desto mehr – so fürchte ich – wird das zum Normalzustand. Wir Menschen sind ja sehr flexibel und können uns schnell an so etwas gewöhnen. Aber generell entspricht das nicht unserer Natur und wir müssen aufpassen, dass sich die Angst vor anderen nicht verfestigt. Zumal wir in Deutschland schon Zeiten hatten, in denen der zwischenmenschliche Kontakt sehr viel steifer war. Zum Beispiel Kinder zu umarmen galt früher als unnötiges Verwöhnen. Dahin dürfen wir nicht zurückkommen – auch nicht aus Angst vor Krankheiten.

Zumal Berührungen – und die Bakterien und Viren, die wir dabei austauschen – auch unser Immunsystem stärken, oder?

Natürlich sind Maßnahmen wie Abstandhalten und Handhygiene aktuell extrem wichtig. Aber wir dürfen, wenn die Pandemie vorüber ist, keine Gesellschaft aus Bazillenphobikern werden. Studien zeigen immer wieder, dass beispielsweise Kinder, die in einer nicht ganz hygienischen Umgebung aufwachsen, einfach mehr Abwehrkräfte besitzen.

Was sollten wir stattdessen aus der erzwungenen Distanz lernen?

Wie wichtig echte Nähe ist. Vor Corona hat uns die Digitalisierung in gewisser Weise ja schon auf Abstand gehalten. Vielleicht merkt der ein oder andere, dass das nicht alles sein kann, dass wir körperliche Nähe brauchen. Eine schöne Erkenntnis wäre, seinen Lebensalltag etwas zu verändern und anderen mehr Berührungen zu schenken.

Und was werden Sie als Erstes tun, wenn wieder alles erlaubt ist?

Meine Freunde umarmen! Und das wohl etwas länger als früher.

Human Touch

© Verlag C.H.Beck

In „Human Touch“ geht Neurowissenschaftlerin Rebecca Böhme der Frage nach, warum körperliche Nähe für unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden so wichtig ist. Durch Erkenntnisse aus Medizin und Hirnforschung zeigt sie: Der Mensch ist ein Kontaktwesen, Streicheln ist kein Luxus, sondern Überlebensmittel. Zudem beleuchtet Böhme das Trendphänomen der Kuschelpartys, erklärt, warum man sich nicht selbst kitzeln kann, und fragt nach Möglichkeiten von Berührung in Fernbeziehungen.

Das Buch ist bei C.H.Beck erschienen und kostet 14,95 Euro.