Sexualität im Alter

06.11.2020

„Die Inti­mi­tät und der Wunsch danach bleibt“

Wie verändert sich die Sexualität mit dem Alter? Und wie lässt sich die Lust selbst in einer langen Beziehung bewahren. Sex-Expertin Paula Lambert weiß es.

Frau Lambert, ein weitverbreiteter Mythos lautet: Alt sein bedeutet das Ende von Liebe, Sex und Zärtlichkeit. Stimmen Sie dem zu?

Paula Lambert: Ich halte von diesem Mythos überhaupt nichts. Auch die Forschung zeigt etwas anders. Es gibt zum Beispiel eine Studie von der Humboldt-Universität Berlin, die herausgefunden hat, dass fast ein Drittel der 60- bis 80-Jährigen sogar sexuell aktiver ist als der Durchschnitt der 20- bis 30-Jährigen. Ich glaube, die Vorstellung von den asexuellen älteren Menschen ist eher ein gesellschaftlich gewünschter Zustand. Weil man sich vielleicht nicht vorstellen möchte, dass die eigenen Eltern und Großeltern noch Sex haben. Als Kind dachte ich ehrlich gesagt auch, mit ungefähr 40 sei das Leben vorbei. Aber jetzt habe ich die 40 überschritten und weiß: Stimmt gar nicht!

Ist der Sex im Alter noch vergleichbar mit dem Sex in jungen Jahren?

Lambert: Die sexuelle Aktivität nimmt im Alter ab, das hat die Berliner Studie ebenfalls herausgefunden. Ist ja auch logisch – allein mit der Erektionsfähigkeit klappt‘s dann meistens nicht mehr so. Der Hormoncocktail ist im Alter natürlich nicht mehr so „hochprozentig“, man ist nicht mehr – vielleicht auch Gott sei Dank – wie ein 20-Jähriger bis unter die Haarspitzen gefüllt mit Testosteron und denkt an nichts anderes als an Sex. Ältere Leute wissen, dass es mehr gibt im Leben. Aber die Intimität und der Wunsch danach bleibt nahezu unberührt vom Alter.

Wie unterscheidet sich im Alter das Bedürfnis nach Sex zwischen Frauen und Männern?

Lambert: Das große Schicksal der Frauen ist, dass die weibliche Sexualität erst so ab 40 richtig Gas gibt – und da geht es mit der männlichen „Leistungsfähigkeit“ leider schon bergab. Daher ist die ideale Kombination eigentlich die zwischen einer 45-Jährigen und einem 25-Jährigen. Passt intellektuell meistens nicht so, körperlich wäre es aber gar nicht schlecht. Das sieht man auch in der populären Kultur: Viele ältere erfolgreiche Frauen haben jüngere Liebhaber – und das nicht ohne Grund.

Sind „Toyboys“ für reife Frauen also das Modell der Zukunft?

Lambert: Das „Toyboy“-Modell hat natürlich seine Vor- und Nachteile. Vielleicht wird man in Zukunft seine eigene Geschichte auch viel freier gestalten können, also jemanden fürs Herz und jemanden für den Körper.

Apropos Körper: Was macht Sex mit uns? Hält er uns länger fit?

Lambert: Sex ist absolut gesund. Er fördert die Durchblutung, stärkt das Immunsystem, macht schöne rote Wängchen, hält die Haut straff, gleicht den Hormonhaushalt aus. Es gibt also es keinen erkennbaren Nachteil, wenn man eine gesunde Sexualität hat – außer vielleicht, dass weniger Zeit fürs Fernsehen bleibt.

Aber wie bewahren wir uns die Lust bis ins hohe Alter?

Lambert: Ja, Alltag und Sexualität sind zwei Dinge, die gehen nicht gerade gut Hand in Hand. Das kennt sicher jeder: Wenn man Kinder hat oder im Job viel zu tun ist, dann lässt der Stress die Libido doch merklich sinken. Darum ist es ganz, ganz wichtig zu verstehen, dass eine gelebte Sexualität auch eine Mentalhygiene ist. Das heißt, man muss sich Inseln dafür schaffen und ganz bewusst dafür entscheiden. Auch wenn man denkt: „Uff, eigentlich habe ich im Moment gar keine Lust“. Der Schlüssel liegt hier in der Kommunikation. Also ein offener Austausch darüber, was man will und was man nicht will. Man muss nah am anderen bleiben.

Und wie schafft man das über all die Jahre?

Lambert: Ein Gefühl von Intimität entfacht man zum Beispiel auch durch gemeinsame Abenteuer. In einer Studie wurde herausgefunden, dass sich Paare, die gemeinsam etwas unternehmen, das adrenalinfördernd ist – ein Fallschirmsprung beispielsweise –, in den Zustand des Frischverliebtseins zurückkatapultieren. Man hat dadurch automatisch wieder eine gesündere Sexualität, weil einfach die Lust aufeinander wieder geweckt wird.

Inwieweit spielen körperliche Gebrechen im Alter eine Rolle für unser Sexleben?

Lambert: Im Alter wird der Körper natürlich etwas beanspruchter. Viele haben es in den Knien, die meisten im Rücken. Seien wir ehrlich, es knackt und knirscht. Das gesamte Kamasutra durchturnen, wird somit zunehmend schwerer. Aber was spricht gegen ein paar gemütliche Stellungen, in denen auch ein Bett vorkommt? Rein gar nichts, finde ich.