Psychische Gesundheit

30.11.2021

Was gegen Depres­sio­nen im Alter hilft

Das Alter kann auch Last sein – körperlich wie psychisch. Ältere sind aber nicht anfälliger für Depressionen als Jüngere. Man kann zudem viel zur Vorbeugung tun.

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Menschen können lernen, Schicksalsschläge im Alter zu verarbeiten.

Es gehört zu den Begleiterscheinungen des Alters, mit Verlust und Vergänglichkeit konfrontiert zu werden. Der Tod von Freunden oder des Partners, die Zunahme körperlicher Beschwerden oder der Verlust an Mobilität sind Herausforderungen, denen sich Menschen irgendwann stellen müssen. Es ist eine Prüfung, gerade auch für die Psyche.

Doch trotz dieser „Belastungen“ sind Ältere nicht anfälliger für Depressionen als Jüngere. Im Gegenteil: Laut einer vom Robert Koch-Institut initiierten Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS) erkranken jährlich 8,1 Prozent der Deutschen im Alter von 18 bis 79 Jahren an einer Depression – bei den 70- bis 79-Jährigen sind es 6,1 Prozent. Das Bild von den depressiven Alten – es ist mehr Mythos als Wahrheit.

Trauer und schlechte Laune sind noch keine Depression

Zwar leiden Ältere viel öfter unter körperlichen Gebrechen. Doch nicht jedes Stimmungstief, das daraus folgt, ist schon mit einer Depression gleichzusetzen. „Trauer und schlechte Laune sind normale Gefühlszustände, die zu unserem Leben gehören“, sagt Andreas Fellgiebel, Chefarzt der Psychiatrie am Darmstädter Agaplesion Elisabethenstift. „Von einer Depression ist erst dann die Rede, wenn Patienten über einen längeren Zeitraum in einem Gefühlstief sind und sich nicht mehr in der Lage sehen, allein aus diesem dunklen Loch rauszukommen.“

Menschen mit einer genetischen Veranlagung haben ein höheres Risiko, im Alter in ein solches Loch zu fallen. Laut Fellgiebel kann es jedoch auch Personen treffen, die zuvor nie Depressionen hatten. „Eine Depressionsentwicklung wird bei alten Menschen begünstigt durch das deutlich steigende Risiko für chronische körperliche Erkrankungen. Zudem durch grundlegende Veränderungen der Lebenssituation wie den Verlust von Lebenspartnern oder der Ausdünnung des Freundeskreises mit der Gefahr der Vereinsamung. Außerdem kann der Verlust von zahlreichen Verstärkern des Selbstwertes anfälliger machen für eine Depression.“ Dies könne das Ende der Erwerbstätigkeit oder der Auszug der Kinder sein. 

Es ist vor allem der Wechsel in den Ruhestand, der mit einem völligen Bruch des Alltags einhergeht, mit dem manche nicht klarkommen. „Wer außerhalb der Arbeit keine sozialen Kontakte pflegt und keine persönlichen Interessen nachgeht, wird es schwer haben, sich an den Ruhestand anzupassen“, sagt Fellgiebel. „Auch die finanziellen Einschränkungen, die der Ruhestand mit sich bringen kann, sind ein zusätzlicher Stressfaktor.“

Depressionen kann man vorbeugen

Aus Sicht des Mediziners ist es daher wichtig, sich frühzeitig damit auseinanderzusetzen, wie man sich auf die Veränderungen des Älterwerdens einstellt. Senioren sollten sich neue Ziele setzen und Aufgaben vornehmen, um die Freizeit, die mit dem Ruhestand kommt, sinnvoll und kreativ auszufüllen. Das kann ein Ehrenamt sein, ein neues Hobby oder eine neue Sprache, viele Aktivitäten mit den Enkelkindern oder die Teilnahme an kulturellen Veranstaltungen.

Zur Vorbeugung hilft auch ein optimistischer Blick auf das Alter und die Chancen, die diese Lebensphase noch bietet. Laut einer Studie aus Irland aus dem Jahr 2016 fördert nicht das Altwerden selbst, sondern die negativen Einstellungen gegenüber dem Älterwerden Depressionen und Angststörungen. Heißt umgekehrt: Eine positive Sicht auf den Ruhestand verbessert die mentale und körperliche Gesundheit – und kann sogar das Leben verlängern.

Das Leben akzeptieren, wie es ist

Wer dennoch depressiv wird, sollte dies nicht als normale Alterungserscheinung annehmen. Es ist eine psychische Erkrankung, die behandelt werden sollte. Dafür werden bei Hochaltrigen, so ähnlich wie bei jüngeren Patienten, sowohl Medikamente als auch die Psychotherapie eingesetzt. Bei letzterer sei die Erfolgsquote besonders hoch, sagt Fellgiebel: „Zwar dauert es etwas länger, um erste Verbesserungen zu spüren. Dafür sind die Ergebnisse nachhaltiger als bei Medikamenten.“

Bewährt hat sich vor allem die Akzeptanz- und Commitment-Therapie. Symptome zu reduzieren steht dabei nicht im Vordergrund. Die älteren Patienten sollen stattdessen lernen, das Schicksal so anzunehmen, wie es ist. Manches im Leben ist eben schmerzhaft und unvermeidlich, zum Beispiel der Verlust des Lebenspartners oder guter Freunde, ein Leben mit chronischen Schmerzen oder Einschränkungen der Selbständigkeit. Eine bessere Akzeptanz mit der Situation setzt oft neue Energie frei, die Patienten woanders investieren können.

Depressionen entstigmatisieren

Eine Therapie setzt allerdings voraus, dass die Depression als solche erkannt wird. Das ist bei Älteren nicht immer leicht. Während Jüngere oft über Antriebslosigkeit, Abgeschlagenheit und Hoffnungslosigkeit klagen, zeigt sich eine Depression bei Hochaltrigen häufig anders. „Viele der Patienten suchen mit Beschwerden wie Kopfschmerzen, Schlafstörungen oder Schwindelgefühlen ihren Hausarzt auf. Andere denken, sie werden dement, weil sie vergesslich werden oder Konzentrationsstörungen haben“, berichtet Fellgiebel aus seinem Alltag.

Und noch etwas muss gegeben sein, um helfen zu können: das Eingeständnis der Betroffenen. Depressionen werden immer noch stark stigmatisiert. Nicht nur seitens der Gesellschaft, besonders ältere Betroffene stigmatisieren sich selbst. „Für viele der älteren Patienten bedeutet die Diagnose Depression eine Charakterschwäche. Es fällt den Senioren schwer, ihre Depression als Krankheit anzunehmen und sich professionelle Hilfe zu holen“, so Fellgiebel.