Suchtgefahr

18.10.2022

„Wir machen uns zur Gei­sel einer Sub­stanz“

Menschen rutschen oft unbewusst in eine Abhängigkeit. Wie man seine Sucht besiegen kann, verrät Motivationscoach und Ex-Triathlet Andreas Niedrig, der selbst mal drogenabhängig war.

Herr Niedrig, vor ihrer Zeit als erfolgreicher Triathlet waren Sie jahrelang heroinabhängig. Wie sind Sie da reingeraten?

Andreas Niedrig: Mit 13 Jahren war ich ein sehr erfolgreicher Schwimmer. Mein großer Traum, meine Vision war es, Berufssportler zu werden. Und dann bin ich in einen Freundeskreis gekommen, wo Drogen gang und gäbe waren. Ich habe dann das erste Mal angefangen zu kiffen. Meine Ziele sind dann in weite Ferne gerückt. Und ja, so fing es eigentlich an. Ganz schleichend – ohne, dass ich für mich jemals das Gefühl hatte, dass ich in eine Sucht hineinfallen könnte.

Wie haben Sie es aus der Abhängigkeit geschafft?

Niedrig: Freiwillig war das sicherlich nicht. Es war der Druck der Staatsanwaltschaft und der Druck von meiner Frau, die damals die Scheidung eingereicht hatte. Ich habe damals schon ein Jahr auf der Straße gelebt, war heroinabhängig, mein Körpergewicht auf 48 Kilogramm runter. Und trotzdem hatte ich nie das Gefühl, dass ich Hilfe brauche. Aber aufgrund des Drucks bin ich dann in Therapie gegangen, die 14 Monate gedauert hat. Und da habe ich natürlich sehr, sehr viel über mich erfahren, vor allen Dingen anerkannt, dass ich ein Suchtproblem habe.

Was hilft Ihnen heute, clean zu bleiben?

Niedrig: Was mir hilft, ist ganz einfach das Leben – die Facettenvielfalt des Lebens. Man kann so viele Dinge machen: Da ist nicht nur der Triathlon-Sport, meine Arbeit als Referent. Ich kann junge Menschen treffen, ihnen auf ihrem Weg helfen und meine – ich sag mal – Lebensweisheit weitertragen. Oder einfach die Natur zu erleben. Mit offenen Augen durch die Welt zu gehen und die Schönheit des Lebens zu erkennen.

Was ist aus ihrer Sicht das Schlimmste an Zigaretten, Alkohol oder auch Drogen?

Niedrig: Wir machen uns zur Geisel einer Substanz. Das kann natürlich auch stoffungebunden sein: Fernsehen, Internetsucht, Anerkennungssucht, Essen. Es gibt so viele Süchte, die uns die Freiheit nehmen, normal zu leben. Wir haben immer wieder als süchtiger Mensch im Kopf: Ich muss wieder, ich muss wieder, ich muss wieder! Und ich glaube, es ist ganz wichtig, dass man die Zeit sieht, die man geschenkt bekommt, wenn man nicht süchtig ist.

Was raten Sie Menschen, die von ihrer Abhängigkeit nicht loskommen?

Niedrig: Menschen, die ihre Abhängigkeit erkennen, sind schon mal einen ganzen Schritt weitergekommen. Sie wollen dann vielleicht auch was verändern. Und ich glaube, das Allerwichtigste ist, sich einzugestehen, dass man es alleine nicht schafft. Sich Hilfe zu holen, und zwar von außen, nicht die Familie mit ins Boot zu holen, sondern von außen ganz professionell sich mal coachen zu lassen und zu gucken: Wo kann ich ansetzen? Was kann mich unterstützen? Wie kann ich ohne Suchtmittel draußen im Leben klarkommen? Ich glaube, das ist der erste Schritt.