Geschlechterverhalten

26.04.2022

Warum junge Män­ner grö­ßere Lebens­ri­si­ken ein­ge­hen

Männer gefährden sich oft selbst, das zeigt sich besonders im Teenageralter. Ihre Sterbewahrscheinlichkeit ist dann fast dreimal so hoch wie bei Frauen. Das zu ändern, ist schwer.

© Malerapaso / Getty Images

Junge Männer tendieren in manchen Lebensbereichen dazu, risikobereiter zu sein.

Wenn es um den Vergleich der Lebenserwartung zwischen den Geschlechtern geht, haben die Männer das Nachsehen. Während neugeborene Jungen im Schnitt mit gut 90 Jahren rechnen können, sind es bei den Mädchen 93 Jahre. 

Die Differenz hat mehrere Gründe. So sind Frauen einerseits biologisch im Vorteil: Sie haben zwei X-Chromosomen und können Schäden auf dem einen besser ausgleichen. Viel entscheidender sind jedoch Unterschiede im Verhalten und im Lebensstil. Männer leben ungesünder, sie rauchen und trinken mehr, reiben sich stärker im Beruf auf oder gehen seltener zum Arzt. Und: Sie gehen größere Risiken ein – mit oft tödlichem Ausgang.

„Unfallgipfel“ zeigt sich deutlich in der Statistik

In der Teenagerzeit ist die Sterbewahrscheinlichkeit von jungen Männern fast dreimal so hoch wie bei den gleichaltrigen Frauen.

Dies zeigt sich vor allem im Teenageralter. Etwa ab dem 16. Lebensjahr steigt die Sterblichkeitswahrscheinlichkeit von Jungen deutlich an, mit 18 Jahren ist sie ungefähr dreimal so hoch wie bei Mädchen – wenngleich immer noch auf niedrigem Niveau. Es ist die Zeit, in der Teenager mit Alkohol oder anderen Drogen in Berührung kommen, den Straßenverkehr erobern, gefährliche Mutproben eingehen und Konflikte mitunter gewalttätig austragen. Und wann immer es um unnatürliche Todesursachen geht, liegen die Jungen in der Statistik vorn. Demografen sprechen angesichts dieser Übersterblichkeit vom sogenannten „Unfallgipfel“, der erst mit Ende 20 allmählich abflacht.

Dass junge Menschen draufgängerisch unterwegs sind, gilt grundsätzlich für beide Geschlechter. „Es ist bekannt, dass Jugendliche und junge Erwachsene am ehesten Risiken eingehen“, sagt Renato Frey, Professor und Leiter der Gruppe „Kognitive und verhaltensbasierte Entscheidungswissenschaften“ am Psychologischen Institut der Universität Zürich. Eine Erklärung dafür liefert die Maturitätshypothese. Danach entwickeln sich die neuronalen Netzwerke des menschlichen Gehirns – die für das Belohnungsverhalten zuständig oder bei der kognitiven Kontrolle beteiligt sind – in den ersten beiden Lebensjahrzehnten unterschiedlich schnell. „Das führt zu einer Zunahme der Risikobereitschaft in dieser Altersspanne“, sagt Frey. Mit zunehmendem Alter lasse sie wieder nach. 

Doch wieso stechen ausgerechnet die jungen Männer in der Statistik so heraus: bei der Zahl der Verkehrsopfer, der Alkohol- oder Drogentoten, der Gewaltopfer oder sonstigen Unfalltoten? Laut Frey tendieren Männer in Bereichen wie Verkehr, Freizeit und Beruf grundsätzlich dazu, größere Risiken einzugehen. „Bei jungen Männern treffen zwei wichtige Faktoren aufeinander“, erklärt der Psychologe. Das männliche Geschlecht und das Alter. Noch brenzliger wird es, wenn die Teenager unter Beobachtung stehen von sogenannten Peers, wie Frey es nennt.

Kraftmeierei der Männer wurzelt möglicherweise in der Biologie

Solche sozialen Faktoren haben ebenso einen Einfluss auf die Risikobereitschaft. Es sind Vorbilder in der Familie, Freunde, Gleichgesinnte oder auch Idole aus Sport oder Fernsehen, mit denen wir uns messen. Aus Imponiergehabe, Übermut, übertriebener Abenteuerlust oder Gruppenzwang begeben sich gerade Männer – mitunter auch ganz unbewusst – in Situationen, die sie gefährden und sogar tödlich enden können. Auch gesellschaftliche Normen können dazu führen, dass junge Männer sich häufig unter Druck gesetzt fühlen, durch gefährliches Verhalten ihre Männlichkeit und ihren Mut unter Beweis zu stellen.

Diese Kraftmeierei wurzelt möglicherweise auch in der Biologie. Eine Erklärung bietet das Handicap-Prinzip. Handicaps sind zum Beispiel das Pfauenrad oder die Löwenmähne – Körpermerkmale, die zwar auf den ersten Blick keinen Nutzen, aber dennoch in der Evolution Bestand haben. Die Erklärung dafür: Wer trotz seines energiezehrenden Handicaps im Wettbewerb mit Artgenossen besteht, sendet den (weiblichen) Artgenossen das Signal, besonders überlebensfähig und potent zu sein. Ähnlich ließe sich auch das Risikoverhalten junger Männer deuten: Als Botschaft an die Umwelt und vor allem die Frauen, körperlich fit und als Partner besonders geeignet zu sein. 

Männer besser vor sich selbst schützen

Um junge Männer besser vor sich selbst zu schützen, gibt es verschiedene Ansätze. Eine Möglichkeit wäre, es zumindest mal zu erschweren, dass die Hemmschwelle für gefährliches oder aggressives Verhalten in bestimmten Situationen fällt. „In der Schweiz wird an bestimmten Brennpunkten wie Bahnhöfen nach 22 Uhr zum Beispiel kein Alkohol verkauft“, sagt Frey. Der erfolgversprechendere und nachhaltigere, aber auch aufwändigere Weg führe über eine bessere Aufklärung, sei es durch schulische Bildung oder Infokampagnen, um jungen Männern ihr oft unbewusst riskantes Verhalten klar zu machen.