Entwicklung der Lebenserwartung

08.05.2023

Warum wir alle Lebens­zeit­ge­win­ner sind

Ein langes Leben erscheint heute selbstverständlich. Wie wertvoll der Zugewinn an Lebenszeit ist, was sich damit für Möglichkeiten ergeben, verdeutlicht erst der Vergleich mit früheren Generationen.

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Die allermeisten Menschen können heute auf ein sehr langes Leben hoffen.

Das Leben mit den drei Phasen Kindheit und Jugend, Erwachsenenalter und Ruhestand erscheint uns heute so selbstverständlich. Für die Menschen vor 150 Jahren war es das aber keineswegs. Der Tod war ein ständiger Begleiter – in allen Altersgruppen. Fast jedes dritte Kind starb vor dem fünften Lebensjahr, jungen Frauen drohte oft der Tod im Kindbett. Die schwere Arbeit führte früh zu körperlichem Verschleiß und Tod. Zudem rafften Diphterie und Tuberkulose – Folge der schlechten hygienischen Zustände – die Menschen frühzeitig dahin. 

Innerhalb von 150 Jahren hat sich die Lebenserwartung verdoppelt

So betrug um 1880 die Lebenserwartung für Neugeborene laut amtlicher Statistik noch 41 Jahre (Jungen) beziehungsweise 44 Jahre (Mädchen). Heute können neugeborene Jungen hingegen auf durchschnittlich 90 Jahre hoffen, Mädchen gar auf 92 Jahre. In anderen Worten: Die Lebenserwartung hat sich innerhalb von 150 Jahren mehr als verdoppelt! Erst im Verlauf des 20. Jahrhunderts ist damit zum ersten Mal das entstanden, was Soziologen „sichere Lebenszeit“ nennen. Deswegen sind wir Lebenszeitgewinner.

Denn was bedeutet „sichere Lebenszeit“? Es gibt uns die Chance, langfristige Pläne schmieden zu können. Es bedeutet, mehr Zeit zur Selbstverwirklichung und für die persönliche Entfaltung zu haben: für die Ausbildung, für Reisen oder Hobbys. Und es bedeutet Entschleunigung und mehr Flexibilität im Leben. Mal aussetzen für ein Probejahr oder ein Sabbatical? Sich mit dem Studium oder der Familienplanung vielleicht etwas mehr Zeit zu lassen? All das ist ein Luxus, den sich die Masse unserer Vorfahren nicht leisten konnte. Ihr Leben schlug in einem viel schnelleren Takt, der keinen Platz ließ für Müßiggänge und zeitraubende Experimente. Wir haben sie, auch deshalb sind wir Lebenszeitgewinner.

Die steigende Lebenserwartung verlängert vor allem die hintere Lebensphase: den Ruhestand. Als die gesetzliche Rentenversicherung 1891 in Deutschland eingeführt wurde, erreichte überhaupt nur ein Drittel der Menschen das Renteneintrittsalter, das damals noch bei 70 Jahren lag. Von den heute Geborenen in Deutschland vollenden mehr als 90 (!) Prozent das 67. Lebensjahr. Und diejenigen, die es schaffen, haben dann noch etwa 25 Jahre vor sich. Im Durchschnitt wohlgemerkt.

Eine vierte Lebensphase ist entstanden: die Alterspubertät

Für manche Experten passt die Unterteilung des Lebens in drei Phasen auch deshalb schon längst nicht mehr: Sie sehen eine vierte Periode angebrochen: die „Alterspubertät“, die vom Renteneintritt bis zu dem Punkt reicht, an dem die körperlichen Einschränkungen so groß sind, dass man wirklich sagt: „Jetzt bin ich alt.“ Es ist eine lange Passage, die gut und gerne von 65 bis 80 dauern kann. Ähnlich wie in der Jugend ist es eine Zeit, in der man neue Dinge ausprobieren kann, für die zuvor im Arbeitsleben wenig Platz war: ein neues Studium, einen neuen Sport, ein Ehrenamt oder auch eine neue Liebe?

Dessen sollten wir uns alle bewusst sein: Der Ruhestand ist in Wahrheit ein „Unruhestand“. Er bedeutet nicht Stillstand oder nahes Ende, er bedeutet Aufbruch und Abenteuer – verbunden mit viel Lebensqualität. Es ist eine Phase für Lebenszeitgewinner.